Optimismus prägt das Marktbild


Optimismus macht sich breit. Optimismus, der konjunkturelle Abschwung in Europa würde nicht so kräftig ausfallen wie hier und dort befürchtet. Optimismus, die Zinsanhebungen von Fed und EZB würden bald ein Ende finden. Und Optimismus, schon bald danach würden die Leitzinsen wieder gesenkt werden. An den Märkten spiegelt sich all dies wider in weiter aufwärts tendierenden Aktienmärkten, in fallenden Staatsanleiherenditen sowie einer Kurveninversion fast schon historischen Ausmaßes und in einer Schwäche des US Dollar. Die Vereinigten Staaten begehen heute ihren Thanksgiving-Feiertag, die Augen richten sich daher auf eine umfangreiche Tagesagenda in Europa mit dem Protokoll der letzten EZB-Sitzung, wichtigen Auftritten von EZB-Vertretern und einem vermutlich leicht verbesserten Ifo Geschäftsklima.

Es herrscht eine bemerkenswerte Stimmungslage in den Märkten. Die Anleger freuen sich über schwächere Konjunkturdaten aus den USA und über nicht so schwache Aktivitätsindikatoren aus der Eurozone. Vergleichsweise schwache US-Daten stützen die Erwartung eines bald auslaufenden Zinsanhebungszyklus, relativ gute Zahlen aus Europa dämpfen die Befürchtungen einer ausgeprägten Konjunkturschwäche. Gestern wurden all diese Wünsche befriedigt. Die Einkaufsmanager-Indizes (PMIs) in der Eurozone für November zeigten ein insgesamt leicht verbessertes Bild als im Vormonat, jene für die USA hingegen ein etwas schlechteres. Derartige Daten stützen die Hoffnung der Anleger, der Zinsanhebungszyklus der Fed würde bald ein Ende finden.

Und diese Hoffnungen erhielten mit der Veröffentlichung des Kurzprotokolls der letzten FOMC-Sitzung zusätzliche Nahrung: Ausweislich der Minutes sprach sich „eine große Mehrheit“ der FOMC-Mitglieder für kleinere Zinsanhebungsschritte aus, gleichzeitig äußerten lediglich „einige“ die Ansicht, der Endpunkt im Zinsanhebungszyklus müsste wohl höher liegen als zuvor angedeutet. Außerdem warnten „etliche“ Notenbanker vor den möglichen Gefahren einer zu starken geldpolitischen Straffung. Damit hinterließ die Kurzmitschrift der FOMC-Sitzung einen deutlich weniger hawkish anmutenden Ton als die Worte des Notenbankvorsitzenden Jerome Powell auf der seinerzeitigen Pressekonferenz am 2. November.

An den Rentenmärkten führten all diese Informationen zu einer Neueinschätzung der Leitzinsaussichten. Eine weitere Zinsanhebung um 75 Bp seitens der Fed wird für Dezember nun nahezu ausgeschlossen, und die Einschätzung über den Endpunkt des Anhebungszyklus verschiebt sich allmählich von 5,25% auf 5,00%. Vor allem aber gewinnen die Anleger an Zuversicht, schon bald nach Erreichen des Leitzinsgipfels würden die Leitzinsen wieder gesenkt werden. Für den Zeitraum Mitte 2023 bis Ende 2024 sind mittlerweile Leitzinssenkungen im Ausmaß von 175 Bp eingepreist. Zu einem Zeitpunkt, wo erst noch Zinsanhebungen von mindestens 100 Bp erwartet werden, ist dies ein ambitioniertes Kursbild.

Folge dieses „Erst noch rauf, dann kräftig runter“-Leitzinsausblicks ist eine tiefe Inversion der Zinsstrukturkurve. Die 2J UST-Rendite notiert mittlerweile rund 80 Bp höher als die 10J-Rendite, in welcher die auf mittlere Sicht eingepreisten Zinssenkungen ein stärkeres Gewicht haben. Wir müssen rund vierzig Jahre zurückblicken, um eine Kurveninversion vergleichbarer Ausprägung zu entdecken. In der Eurozone wird eine ähnliche Leitzinsdiskussion geführt, wenngleich in deutlich weniger prononcierter Form. „Erst rauf, dann runter“ führt aber auch hierzulande zu einer 2/10J-Kurveninversion, die mit rund 20 Bp so stark ausgeprägt ist wie seit dreißig Jahren nicht mehr.

Je größer die Hoffnung auf Leitzinssenkungen am Horizont, desto fester die Aktien und desto schwächer der US Dollar. All dies konnten wir gestern beobachten. Die Händler in den USA begeben sich nun in ihre Thanksgiving-Pause, wir in Europa warten auf weitere Informationen zur Einschätzung des Ausblicks: Der Ifo Geschäftsklimaindex heute, der GfK Konsumklimaindex morgen früh, dazwischen das Kurzprotokoll der EZB-Ratssitzung vom 3. November und einige Auftritte schwergewichtiger EZB-Vertreter – schon morgen sollten wir wieder etwas schlauer sein, was die Zukunft bringen wird…

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