Unter großer Anspannung ins Wochenende


Steigende Inflationsraten, Energiekrise, ein sich zusehends eintrübender Konjunkturausblick, weltweit Zinsanhebungen historischen Ausmaßes, der US Dollar auf einem 20-Jahres-Hoch und nun auch noch Interventionen am Devisenmarkt – das gesamtwirtschaftliche Umfeld ist mehr als nur herausfordernd. An den Märkten führt all dies zu stark steigenden Renditen und hoher Volatilität an den Devisenmärkten, während die Aktienmärkte Kurs auf ihre Jahrestiefs nehmen. Die heutigen Daten zu den Einkaufsmanagerumfragen (PMIs) in der Eurozone dürften weitere Belege für den sich abschwächenden Wachstumsausblick liefern. Die Augen sind auch auf Großbritannien gerichtet, wo die neue Regierung ein „Mini-Budget“ präsentieren wird, dessen mögliche Auswirkungen sinnbildlich für das Dilemma der Regierungen in diesem Umfeld stehen.

Die Welle an Notenbankentscheidungen in dieser Woche blieb hinter den Befürchtungen der Anleger zurück. Lediglich die Riksbank in Schweden entschied sich mit ihrem 100-Bp-Schritt für eine Zinsanhebung am oberen Rand der Markterwartungen. Die Fed (+75 Bp), die Schweizer Notenbank (+75 Bp), die Bank of England (+50 Bp) und die Norges Bank (+50 Bp) blieben mit ihren Zinsschritten am unteren Ende der Erwartungen. Dennoch vermittelte insbesondere die Fed den Eindruck, der Anhebungszyklus würde den Leitzins in noch höhere Dimensionen führen, als es im Markt zuvor bereits eingepreist war. Entsprechend dem neuen „Dot Plot“ der Fed preisen die Geldmärkte mittlerweile einen Leitzinsgipfel von 4,75% ein, aktuell stehen wir bei 3,50% (jeweils bezogen auf das obere Ende des Zielbandes für den Zielsatz).

Die Bank of Japan war die einzige bedeutende Notenbank in dieser Woche, die ihre geldpolitische Ausrichtung unverändert expansiv ausgerichtet ließ. Sie ist nun die letzte Zentralbank weltweit, die noch einen negativen Leitzins besitzt. Folge der geldpolitischen Diskrepanz zum Rest der Welt und insbesondere zu den USA war in den vergangenen Wochen und Monaten ein sich rasant abwertender Yen. Im März notierte USD-JPY noch bei 115, gestern früh lag der Wechselkurs nahe einem 24-Jahres-Hoch bei fast 146 – eine Abwertung von rund 20% in lediglich sechs Monaten. Finanzministerium und Notenbank zogen gestern Vormittag im Vorfeld eines feiertagsbedingt verlängerten Wochenendes die Reißleine. Erstmals seit 1998 intervenierte die BoJ am Devisenmarkt zur Stützung der heimischen Währung (im Jahr 2011 wurden mal Interventionen zur Schwächung des Yen durchgeführt). USD-JPY fiel in der Folge bis fast auf 140 und hat sich nun bei 142 eingependelt.

Zahlreiche andere Währungen handeln gegenüber dem US Dollar auf oder nahe Mehrdekaden-Tiefs. Ein global koordinierter Eingriff an den Devisenmärkten zur Schwächung des Dollar wie beim „Plaza-Abkommen“ ist derzeit aber unwahrscheinlich. Auf den Tag genau 37 Jahre vor dem gestrigen Markteingriff der BoJ einigten sich die damaligen G5-Staaten auf koordinierte Marktinterventionen mit dem Ziel einer kontrollierten Abwertung des USD. Bei unilateralen Devisenmarktinterventionen wird allgemein vermutet, sie könnten einen vorherrschenden Abwertungstrend allenfalls abmildern, aber nicht umkehren.

Das Britische Pfund handelt gegenüber dem USD sogar auf dem tiefsten Stand seit Mitte der 1980er Jahre. Das Königreich steckt in einer Wirtschaftskrise. Zur Abmilderung der Konjunktur- und Inflationsrisiken wird der neue Schatzkanzler Kwasi Kwarteng heute ein „Mini-Budget“ vorstellen, dessen Volumen mit einigen zig Milliarden Pfund jedoch alles andere als „mini“ sein dürfte. Kurzfristig dürften die Maßnahmen den Inflationsdruck mildern, mittelfristig jedoch stärken – ein Dilemma, welchem derzeit viele Regierungen gegenüberstehen. Die Bank of England hat gestern explizit erklärt, sie würde die mittelfristigen Inflationsauswirkungen der neuen fiskalpolitischen Maßnahmen auf ihrer nächsten Ratssitzung Anfang November analysieren, um dann mit entsprechenden geldpolitischen Schritten darauf zu reagieren.

Für Deutschland, Frankreich und die Eurozone bekommen wir heute die vorläufigen PMIs. Diese dürften weitere Belege für den sich eintrübenden Konjunkturausblick liefern. Die Marktstimmung bleibt angespannt. Die 10J Bundrendite nähert sich der 2%-Marke, und der STOXX Europe 600 schloss gestern auf einem neuen Jahrestief knapp unterhalb von 400 Punkten…

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